Das Flensburger Urteil - selbst heute noch

Austausch über das Leben und Arbeiten mit Behinderten / mit einer Behinderung * Aufeinander zugehen und erkennen, dass wir uns gegenseitig viel zu geben haben und voneinander lernen können.
Antworten
Schnuppe

Das Flensburger Urteil - selbst heute noch

Beitrag von Schnuppe » 07.04.2006, 21:19

Möchte euch heute mit diesem Urteil konfrontieren, weil es ein trauriges Urteil war, das bis heute immer wieder unter Menschen passiert.

"Eine Gruppe von behinderten Menschen störte in einem Hotel eine Familie so sehr, das sie zu 350 DM Schadenersatz verurteilt worden, weil ihr Anblick der Familie Schaden zugefügt hatte."

Es ist wirklich passiert, und für mich stellt sich die Frage "Diskriminierung und Ausgrenzung selbst durch das Gesetz? ... Wo ist hier die Gleichheit vor dem Gesetz?"

Da ich jedes Jahr mit behinderten Mitmenschen für 10 Tage in die Freizeit fahre, erlebe ich ähnliche Begegnungen schon, nur nicht so krass.

Was meint ihr dazu?

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 07.04.2006, 22:05

Ich werd mal ein wenig krass: Sie hätten spenden sollen für einen Phsychater, der die Familie betreut.

Ist ja mehr als krank sich durch den Anblick eines anderen Menschen gestört zu fühlen und dann auch noch auf Schadensersatz klagen.

Muss morgen mal nachlesen, hast mich neugierig gemacht.

bienchen

Beitrag von bienchen » 08.04.2006, 06:30

Das finde ich unglaublich, da fehlen einem die Worte.

Im Umkehrschluß hieße das ja dann, wenn mir die Nase von irgend jemanden nicht paßt und er mein ästhetisches Empfinden stört kann ich ihn verklagen. Aber anscheinend nur, wenn er auch noch behindert ist!

Unglaublich unsere Rechtsprechung!!!

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 08.04.2006, 20:10

Gerade solche Urteile dürfen nicht ausgesprochen werden, weil es Menschen stigmatisiert. Im GG § Art. 3,1 steht "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich". Gleichzeitig heißt es im GG § Art. 3,3 "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" - seit 23.10.94 verankert.

Ja, aber von Menschen festgelegt, und wiederum von Menschen in der Rechtssprechung nicht benutzt.

Es gibt viele Begebenheiten, wo menschliche Urteile uns zur Empörung laut werden lassen. Für eine gewisse Zeit kommt der Protest, aber das reicht nicht, weil es jeden von uns angeht. Es geht um Menschen, und jedem von uns kann etwas passieren, was einer Behinderung ähnlich ist (z.B.: durch Unfall- Bein oder Arm verlieren. oder durch Erkrankungen u. v. m.). Das Leben verändert sich, und keiner kennt sich damit aus.

Ich bin über solche Urteile wütend, aber auch sehr traurig, weil es zeigt, wie "klein" wir Menschen denken und handeln.

Schaut mal ins "Kölner Urteil" rein, wo sieben geistig Behinderte wegen Lärmbelästigung des Nachbarn zu Ruhezeiten verurteilt wurden.

Fair oder nicht fair? das ist hier die Frage. Gebt mir eine Antwort!

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 08.04.2006, 20:20

Lieber Gott,
du hast mir einen gesunden Körper geschenkt,
lass mich vernünftig und dankbar damit umgehen.
Lass mich rücksichtsvoll und hilfsbereit
allen Menschen gegenübertreten,
die krank, alt oder behindert sind..

Amen

admin2

Beitrag von admin2 » 08.04.2006, 20:44

Kölner Urteil: http://lesum.de/sonstige/integrat/redeverbot1.htm
Auszug:
Es räumte dem Nachbarn vielmehr das Recht ein, sich gegen das – nach Auffassung des Gerichts besonders störende – Geschrei von Behinderten zu wehren.
In der mündlichen Begründung formulierte der Vorsitzende Richter bemerkenswerte Sätze: Maßgebend sei „nicht so sehr die Lautstärke als vielmehr die Art der Geräusche. Diese weicht völlig ab von dem, was im üblichen nachbarschaftlichen Nebeneinander erlebt wird, ist insbesondere mit Kindergeschrei und anderem nicht zu vergleichen, und wirkt deshalb außerordentlich belastend."
Schnuppe? Ohne Worte........ :evil:

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 08.04.2006, 20:58

30. Juni 1994 wurde im Reichstag in Berlin die Aufnahme des Satzes: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." in das Grundgesetz (Art.3, Abs.3) beschlossen.

Ausschlaggebend für die Änderung soll unter anderem das Flensburger Urteil gewesen sein. Für meine Begriffe hat es arg lang gedauert, zwischen dem Urteil, von dir ja erläutert und der Änderung im Grundgesetz.

Das Kölner Urteil, wie kann es sich damit vereinbaren?

Musste gerade an die Ruhestörungen der Nachbarschaft denken... blödes Beispiel, aber heute abend um 20Uhr stand mitten auf der Straße ein Bagger und fing an, das Erdreich im nachbarschaftlichen Garten von Baumstümpfen zu befreien......... Lärmbelästigung? Ja.......

So wie ich es verstehe, geht es nicht um die Lautstärke, sondern allein um die Art der Geräusche, die aus dem Mund eines Behinderten kommen kann... unglücklich ausgedrückt, aber so empfinde ich es gerade.
Musste an meine Nichte denken, die kaum hören kann und wie lange es dauerte ehe sie sprechen konnte. Ihre Freude drückte sie ganz anders aus, bevor sie die Sprache beherrschte........ Belästigung?

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 09.04.2006, 09:30

Ja Tina, habe in meiner Frauenwohngruppe 16 Personen, wo von denen nur 6 der "gebräuchlichen Sprache" mächtig sind. Alle anderen haben erhebliche Störungen, denn früher wurde nur die Behinderung gesehen, nicht die anderen "Störungen". Taubstumme, sprachgestörte haben Laute, und diese hören sich anders an. Durch ihr "Nichthören" erfahren sie nie die "Ohrlauststärke", und somit klingt es für uns "Normalhörende" Schlimm, störend. und nicht tragbar.

Liebe Tina, der Lärm vor der Tür, das schrille Schreien von Kindern, das lautstarke Schimpfen von Personen .. und vieles mehr stört uns alle oft auch mal oder weniger, aber ich für meinen Teil würde nie dagegen prozezieren. evtl. mal mit ihnen reden, höflich ...

Ja, es gibt immer solche und solche, auch bei der Rechtsprechnung.

Ich wünsche niemanden so eine verbale Störung (denke hier an Schlaganfälle usw. durch plötzliche Erkrankungen), denen geht es oft ähnlich.
Alles was nicht in die Norm paßt, wird irgendwie abgelehnt. Wird angestarrt.

Frage : Was wird mir abgelehnt? Das zu viele Schreiben? Mein Gläubigsein? Mein lautes Lachen?
Was gibt es nicht alles, was andere stört..und wenn es die krumme ;-) Nase im Gesicht ist.

Schnuppe, die tagtäglich mit Handycaps umgehen muss und auch will, wundert sich oft sehr..

Babsel

Beitrag von Babsel » 15.04.2006, 22:56

Liebe Schnuppe, Ihr Lieben alle,

lange habe ich hier nur mitgelesen ... und ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich beginnen soll... Also versuche ich es gleich mit Aufrichtigkeit.

In unserer Nähe sind keine "behinderten" Menschen, mit denen wir direkt zu tun haben und so habe ich auch keinerlei Erfahrung im Umgang mit ihnen. Ich gehe aber bei Begegnungen mit behinderten Menschen immer davon aus, dass ich etwas vorleisten muss, damit ein Dialog entstehen kann... Und ich weiß nicht, wie meine Vorleistung aussehen muss.

Minimann hatte während seiner KiGa-Zeit mal den Vater eines Mädchens getroffen. Dieser ist ein "Contergan-Kind", hat keine Arme, seine Hände sind beinahe unmittelbar an den Schultern. Sohnemann fragte ganz unbekümmert: "Mama, warum hat denn der Mann seine Hände soweit oben, das sieht ja komisch aus?!" Ich wurde puderrot und versuchte, seinen Redeschwall zu stoppen. Muss gestehen, ich war völlig hilflos und beschämt. Dieser Mann lachte herzlich und entgegnete: "Weil mir halt keine Arme gewachsen sind!"
Ich wäre am liebsten vor Scham in ein Loch gekrochen ... :oops:

So geht es mir sehr oft, wenn ich "behinderte" Menschen sehe. Ich habe Probleme, auf sie zuzugehen ... nicht, weil ich sie von mir stoßen will ... glaubt mir, das ist es ganz gewiss nicht! Nein, ich traue mich nicht! Ja, das ist der richtige Ausdruck. Dafür schäme ich mich oft! :oops:
Ich will diese Menschen um Gottes Willen nicht verletzen ... und aus Angst davor, mache ich lieber nichts ... :oops: Da ich aber weiß, dass das nicht in Ordnung ist und ich auch ein Kind habe, dem ich vieles an Gutem vorleben möchte, hadere ich oft mit mir.

Wie, Schnuppe, kann man das (die Kopf-in-den-Sand-steck-Taktik) ändern? Ist da vielleicht gar kein Erwartungszwang auf der anderen Seite? Du hast Erfahrung auf diesem Gebiet. Vielleicht kannst du mir (und auch noch anderen hier, denen es unter Umständen ähnlich wie mir geht, die hier nur noch nicht gepostet haben) einen Schubs geben.

Stehe ich mit meinem Konflikt alleine da? Oder geht es anderen auch so?

Antworten

Zurück zu „Behindert sein - nein, nur anders sein“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast