Ignoranz oder was? Machtlos zuschauen....

Austausch über das Leben und Arbeiten mit Behinderten / mit einer Behinderung * Aufeinander zugehen und erkennen, dass wir uns gegenseitig viel zu geben haben und voneinander lernen können.
Antworten
Wölkchen

Ignoranz oder was? Machtlos zuschauen....

Beitrag von Wölkchen » 15.07.2006, 10:31

Meine Nichte, als Frühchen in der 30.Woche geboren, hat nun mit 9 Jahren selbst die zweite Klasse nicht geschafft.

Niemand dachte damals, dass sie leben würde. Ich habe sie von draußen durch die Scheibe sehen können und bewundere ihre Kämpfernatur noch heute. Sehr spät erkannte man erst, dass sie kaum hören kann dafür entdeckte man sofort das recht große Loch im Herzen. So das vorweg.
Jede Familie mit Frühchen, weiß was alles noch daran hängt.

Sie kam in einen speziellen Kindergarten und auch in eine dementsprechende Schule. Diese war mir durch meine Cousine schon bekannt, die dort ihren mittleren Sohn hatte.
Sie hat nur 30% Hörvermögen mit den Hörgeräten und beginnenden Verlust des Sehvermögens.

Nun zu meinem Problem als Tante. Mein Bruder will und mag nicht hören, dass in unserer Familie Behinderungen weitergereicht werden, die sehrwohl mit seiner Tochter zu tun haben. Er steht auf dem Standpunkt, wer Deutsch kann, kann auch Rechnen und umgekehrt und seine Tochter braucht nur länger dazu. Nichts von all dem, was ich ihm weitergereicht hatte an Unterlagen hat er je gelesen oder der Pädagogin überlassen.

Die Hyperaktivität von meiner Nichte ist Ungehorsam.
Ignoranz auf breiter Linie. Das Mädel kann nicht eine Sekunde still sitzen, sie kann sich nicht konzentrieren und mit Zahlen erst Recht nichts anfangen..... hier sagt man, dass es für sie böhmische Dörfer sind.

Sämtliche Kopien von Untersuchungsergebnissen, die die Erbmasse der Familie betreffen hat er bekommen........... er will es weder lesen noch wahrhaben oder ansprechen, dass man eventuell was ausschließen kann.

Nettchen ist auf eine normale Schule gekommen, da wird sie normal behandelt.......................... das bekam ich zu hören. Und noch einiges mehr.......... und nun schaut man zu und kann nichts tun.

Minka

Beitrag von Minka » 15.07.2006, 12:20

Liebes Wölkchen,
darf ich mal fragen warum sie nicht auf eine Behindertenschule geht?
Muß dazu sagen, hab jahrelang mit Behinderten zu tun gehabt, auch im Behindertenverein und kenne dadurch einige Frühchen mit diversen einschränkungen. Alle die ich kenne und auf solche Schulen gegangen sind waren wirklich in guten Händen! Auf die Kinder wird viel spezieller eingegangen und sind wirklich Top versorgt. Wie soll den ihre Zukunft aussehen, wenn sie jetzt schon so starke probleme mit der Schule hat? Auch wird es niemals zu hänseleien kommen(Kinder können ja so gemein sein!!!)

Wegen deinem Bruder ist es natürlich nicht einfach. Jeder wünscht sich ein gesundes Kind und das dann erstmal zu akzeptieren, dass es nicht "normal" ist, ist für viele sehr schwer. Gibt es denn eine Mutter? Wie geht sie mit der Situation um? Was hält er denn von Therapien bzw Beratungsstellen oder von Treffen mit gleichgesinnten Eltern? Blockt er da auch total ab?

Ich finde es lobenswert von dir, dass du so besorgt bist. Gibt es leider auch nicht mehr allzu oft! Und ich teile deine Meinung dass man nicht einfach zuschauen kann.

Liebe Grüße Minka

bienchen

Beitrag von bienchen » 15.07.2006, 12:54

Hallo Wölkchen
Ich kann auch nicht nachvollziehen wie man so ignorant sein kann.
Man macht es so einem kleinen Menschenkind doch nur unnötig schwer.
Das Erwachsenenleben ist schon hart genug, da muß es die Kindheit nicht auch noch sein.
Ich habe auch ein Frühchen (32 Woche) und wäre nie auf den Gedanken gekommen die Augen vor Problemen zu verschließen oder gar die nötigen Therapien meinem Kind nicht zu kommen zu lassen.
Ebenso mein Mann, der sich auch genug Gedanken gemacht hat.
Mich interessiert auch wie seine Frau dazu steht oder kann sie auch nicht zu ihm vordringen?
Er ist wahrscheinlich wahnsinnig enttäuscht ein " behinderets" Kind zu haben und verschließt die Augen einfach. Frei nach dem Motto: Was nicht sein darf auch nicht sein kann!
Wer steht ihm denn so nahe, daß ein Gespräch mit ihm etwas bezwecken könnte?
Wie sieht es denn mit dem behandelnden Kinderarzt aus? Kann er nicht vermitteln?
Ich fände sie Situation unerträglich, wenn mein Mann bei solch wichtigen Dingen nicht mit mir an einem Strang ziehen würde.
Mensch, Wölkchen, aber selbst wenn du nichts bei deinem Bruder erreichen konntest, dann ist er aber seht verbohrt in seiner Meinung ein gesundes Kind zu haben.
Ich hoffe für deine Nichte das er endlich die Scheuklappen abnimmt.

woodstock

Beitrag von woodstock » 15.07.2006, 13:33

Liebe Tina,
es ist schade, dass es immer noch Menschen gibt, die sich mit der Erkenntnis, dass jemand, der ihnen so nah steht, behindert ist, so schwer tun. Vermutlich ist aber genau das auch ihr Problem:
Es ist nicht irgendein Kind, was krank/behindert ist, sondern es ist ihr eigenes. Da kommen Schuldgefühle hoch und die Fragen, warum nur...
Auch ich würde weiter versuchen, ihn wachzurütteln. Auch von mir die Frage: Was ist mit der Mutter?
Hast du eigentlich, rechtlich gesehen, weil du Patentante bist, irgendwelche Rechte und Pflichten dem Kind gegenüber, die du in diesem Zusammenhang wahrnehmen könntest?
Da die Behinderung des Kindes sehr vielfältig ist, kann ich keinen Rat geben. Habe nur mal gehört, dass es Schulen für praktisch Bildbare gibt.
Vielleicht solltet ihr euch unter diesem Anhaltspunkt schlau machen. Ich weiß noch nicht einmal, ab welchem Alter diese Schulen geeignet sind, aber es gibt sie vereinzelt.
Lieben Gruß unnd alles Gute für die Kleine!
Doro

petry

Beitrag von petry » 16.07.2006, 21:05

Oh man,das ist ja Ignoranz vom Feinsten.Wie kann er nur?Warum bezieht die Mutter keine Position?
Nach dem Kindergaten gibt es doch die Schultauglichkeituntersuchung,wieso ist dort nicht gleich mit Nachdruck drauf hingewiesen worden das sie an einer "normalen Schule" untergeht.
Er sollte echt mal darüber nachdenken,was er seiner Tochter damit antut.
Kinder sind grausam,sie würde doch als dumm erklärt werden von ihren Klassenkameraden.Das wirkt sich mit Sicherheit mehr als negativ aufs Mädel aus.Kannst du dich nicht mal beim Jugendamt schlau machen?Es muß doch Möglichkeiten geben da was zu machen und dem Kinde zu helfen,notfalls gegen den Willen der Eltern,halt zum Wohle des Kindes.
Mir geht bei sowas die Hutschnur hoch.

strangegirl

Beitrag von strangegirl » 17.07.2006, 09:01

Hey Tina,

daß das so läuft, tut mir furchtbar leid, vor allem für die Kleine, aber auch für Dich. Es ist bestimmt nicht einfach, dastehen und zusehen zu müssen.

Ich verstehe eines nicht: Wie kann Dein Bruder ignorieren, daß das Mädchen nur noch ein Hörvermögen von 30% hat? Wenn man so eingeschränkt ist, dann ist es absolut unmöglich, in normaler Klassen-Umgebung dem Unterrichtsgeschehen zu folgen. Das muß er doch auch sehen. Und wenn jetzt das Sehvermögen auch noch geringer wird... Das ist doch eine Tortur für das Kind.

Ich kann verstehen, daß er dem Mädchen vielleicht nicht zumuten möchte, als Sonderfall abgestempelt zu werden. Aber ich glaube, die Kleine hätte in für sie lerngerechter Umgebung viel bessere Chancen, auch ein wenig Selbstbewußtsein zu entwickeln, was ja für Kinder immens wichtig ist. Es ist doch nicht so, daß sie es geistig nicht packen würde, oder? Dann kann man doch viel mehr erreichen, wenn sie einen maßgeschneiderten Lehrplan erhält.

Und auch von mir die Frage: Was sagt die Mutter dazu?

LG,

strangegirl

Schnuppe

Beitrag von Schnuppe » 17.07.2006, 09:12

Moin Moin ihr Lieben, da ich ja nun mal schon lange mit Behinderten arbeite, selbst in der Familie zwei behinderte Vetter erlebe, bin ich zum einen ganz vorsichtig in der Familie mit Ratschlägen, weil die meist als Kritik aufgenommen werden. Eltern, das weiß jeder, auch von sich will nur das Beste für sein Kind. Meist können sie es lange Zeit nicht annehmen, das gerade "mein Kind" Schwächen hat. Egal, in Familie oder in der Heimunterbringung müssen Eltern von behinderten Kindern dieses von außen "geöffnet" bekommen. Früherziehung beginnt leider oft zu spät. In vielen Gegenden sind auch die Kinderärzte leider nicht in dieses sensible Thema gelehrt worden. Auch in den KIKAS läuft es nicht so.

Ich finde es gut, das du als Tante es begleitest, aber ohne die Einsicht der Eltern wird nix passieren. Schau gut zu, begleite deine kleine Nichte, und bleib vorsichtig dran. Vielleicht geht es ihr ja in der Schule besser als man denkt. .. lass ich mal so stehen. Kinder zeigen ihre Unzufriedenheit, schau hin, dann setzt vorsichtig ein.

In meiner Arbeitsstelle nennt man die Früherkennung "Zitronenfalter".. auch wegen der Frühchen" ..damit man ganz gezielt und individuell je Kind beginnen kann. Hol dir Lesematerial darber und zeige es den Eltern.
Ich drücke die dauen, das sich euer Verhältnis nicht verhärtet.
Gruß Schnuppe

Nadine75

Beitrag von Nadine75 » 17.07.2006, 18:28

Vielleicht ist es auch gar nicht ignorant.
Ein Kind auf solch eine wirklich wunderbare Schule zu schicken ist sicher so das letzte Zeichen nach außen hin daß das Kind eben nicht so wie andere ist. Ein besonderes Kind mit besonderen Bedürfnissen. Dieses Stück Normalität mußte nun noch erhalten werden mit einer Selbstlüge.
Damit man sagen kann bei anderen: Mein Kind ist in der regulären Schule.
Eventuell fehlt den Eltern der Mut und das Kind muß es nun ausbaden ?
Ich finde die Eltern sollten eine Therapie oder ein Gespräch erhalten und es sollte nach Lösungen gesucht werden.

Wölkchen

Beitrag von Wölkchen » 18.07.2006, 12:34

Entschuldigt bitte meine späte Antwort.

Ich war Gott sei Dank nicht allein mit meinen Anmerkungen und Nettchen bleibt in der Schule für Kinder mit Behinderungen in Hildesheim. :jump:

Ein Erfolg auf breiter Linie für die Anverwandten.

Mein Bruder hat sich schon immer für die vielen Krü.....p.....l in unserer Familie geschämt und deswegen keinen großen Kontakt gepflegt. Eigenartig, da gerade bei uns jeder so wie er ist immer als normal genommen wurde. Jeder hat doch so seine Art der "Behinderung" und wenn es die emotionale ist.

Wir haben im Winter bei dem Geburtstagsessen meiner Mutter mal angesprochen, dass Nettchen genauso normal ist, wie jeder andere Mensch. Sie unterscheidet sich halt in anderen Dingen von manchen Menschen und das ist mehr als normal. Immerhin saßen an dem Tag genügend Mackeninhaber bei Tisch. ;-)
Vom Rollstuhl über Legasteniker usw... und haben wir nicht Spaß gehabt?
Sowas kann ihn nicht überzeugen. Er hat sich ein Gerüst als Schutzwall gebaut welches klar sagt: Wenn du fleißig bist schaffst du alles und wenn nicht, dann warst du nur faul und bequem. Tja, Jahrgang 68 und benimmt sich teilweise von den Ansichten her, wie ein älterer Herr.

Nun müssen wir schauen, dass wir auf eine sehr langsame Weise die Unterlagen für die Pädagogin rüberreichen. Nur über wen? Direkt?
Er hat alle, aber legt sie nur in den Schrank, damit ich Ruhe gebe.

Meine Schwägerin ist ebenfalls Legastenikerin und steht auch dazu.
Allerdings würde sie niemals etwas gegen den Willen meines Bruders
tuen. Kann ich irgendwie auch verstehen, der heimische Frieden ist
sehr wichtig für sie.

Ich danke euch noch für eure Antworten, sie halfen mir, erstmal diese
innere Wut loszuwerden. Denn auf diese Art läuft man bekanntlich nur gegen Wände und hat auch keinen klaren Kopf für vernünftige Gedankengänge, die hilfreich sein sollten.

Gast

Beitrag von Gast » 19.07.2006, 06:48

Mein Bruder hat sich schon immer für die vielen Krü.....p.....l in unserer Familie geschämt und deswegen keinen großen Kontakt gepflegt. Eigenartig, da gerade bei uns jeder so wie er ist immer als normal genommen wurde. Jeder hat doch so seine Art der "Behinderung" und wenn es die emotionale ist.
Die Aktion Mensch (Früher Sorgenkind) kennt sicher jeder und deren (Leit-)Spruch ist: man ist nicht behindert - man wird behindert. Ich habe auch lange Zeit mit geistig und psychisch "behinderten" gearbeitet. Ich hatte sogar eine Betriebswohnung und meine Kinder die mich fragten, welche Krankheiten diese Menschen haben, antwortete ich, diese Menschen sind nicht wirklich krank, sie sind einfach anders- es gibt darunter Menschen, die sprechen kein einziges Wort, können aber auf tausend Jahre jeden Wochentag richtig berechnen, im Kopf - er macht nichts andres und ist so konzentriert, das ers nicht schafft alleine zu essen usw.
Ich habe einen Neffen, der verspätet geboren ist, und dann durch fieberkrämpfe und Sauerstoffmangel und weitere Tiefschläge schwer geschädigt wurde. Seine Mutter, selber Lehrerin, gab sich alle mühe und mit 9 Jahren konnte der Junge in eine normale Schule gehen. Alles geht langsamer bei ihm, er ist in Musik ein Genie, und er kann nur wenige Kontakte haben, doch hat er sich wirklich gut entwickelt, das hätten wir damals nicht gedacht.
Jeder mit solchen Kindern, muß sehen und herausfinden was seinem Kind gut tut, sich für Behinderungen schämen ist nicht der richtige Weg.
Zeigt aber, welche Macht doch Vorurteile und Halbwissen haben, noch heute, und es wird wohl leider noch lange so bleiben?
Ich jedenfalls tue meins, dagegen zu wirken! Für Nettchen alles Liebe und Gute - das sie ihren Weg geht und vielleicht wie mein Neffe man auch stolz auf sie sein wird.

Elsie

Beitrag von Elsie » 03.11.2006, 07:34

Hallo wölkchen,

ser gut kann ich dein Unverständnis deinem Bruder gegenüber nachvollziehen. In meinem eigenen Leben ist das gleiche geschehen. Meine Tochter ist mit 13 Jahren sehr schwer verunglückt und seither behindert. Ihr Vater konnte das zu keinem Zeitpunkt akzeptieren und hast sie als Simulantin hingestellt und mich, die sie wieder wie ein kleines Kind versorgen mußte, als ihre Helferin. Er verlangte, dass sie aus unserem Haus auszieht, weil er "als Mann ein Recht auf eine Frau hat, die überwiegend für ihn da ist" (Original). Letzendlich bin ich in einer Nacht- und Nebelaktion mit meiner Tochter ausgezogen und nun nach 5 Jahren normalisiert sich unser Leben allmählich. Meine Tochter ist tief verletzt, weil sich ihr Vater noch immer nicht um sie kümmert. Jetzt ist sie in einer Therapie und ich wünsche ihr, dass sie endlich zur Ruhe kommt.

Ich denke bei deiner Nichte wird auch nichts verändert, wenn die Mutter nicht einen eigenen Standpunkt für das Kind bezieht. Leicht ist es nicht, alles hinter sich zu lassen, aber es gab für mich keine Alternative.

Viel Glück für deine kleine Nichte und ihre Eltern

LG Elsie

Antworten

Zurück zu „Behindert sein - nein, nur anders sein“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste